Das Kuratorische

Çağla Ilk

Thresholds
When the dreams sleep

Der Weg vom Schiffsanleger zur Insel La Certosa führt über einen langen Steg. Es ist ein Zwischenbereich, der den Blick freigibt: S. Elena und die Stadt auf der einen Seite, die Insel auf der anderen Seite. Es ist nicht klar, wo die Insel eigentlich beginnt, es ist nicht klar, ob ich mich in Richtung Zukunft begebe und die Vergangenheit hinter mir lasse oder ob ich auf dem Weg aus der Zukunft in die Vergangenheit bin. Hier entstand der Gedanke, der Arbeit am deutschen Beitrag zur Biennale den Titel Thresholds – Schwellen – zu geben.

In einer Zeit der globalen Krisen und der Kriege haben wir uns die Frage gestellt: Wie sehen Orte des Zusammenhalts aus? Wie können wir das nationalstaatlich geprägte Denken und Raumkonstrukt verlassen? Veränderung fängt da an, wo ich mir der Vorläufigkeit meiner Position bewusst werde. Wenn die Träume schlafen an der Schwelle zum erwachen. Die Position der Schwelle ist solch ein vorläufiger Ort zwischen einer Vergangenheit, die verschwindet, und einer Zukunft, die wir noch nicht betreten haben. Wie kann es gelingen, aus den harten Grenzen, die der Deutsche Pavillon mit seinen übermächtigen Mauern vorgibt, eine Situation des Übergangs zu schaffen, die den Blick öffnet, den Moment dehnt und die Linie zur Schwelle macht? Wie ist es möglich, eine komplette Erzählung in Fragmenten zu erzählen? Vielleicht hilft der Begriff der Schwelle, die Praxis der Logik in Frage zu stellen.

Thresholds bedeutet in unserer Arbeit das Wecken der Sehnsucht nach Deterritorialisierung der politischen Fantasie. Wir erleben gerade die extreme Ausformulierung der Verhaftung im nationalstaatlichen, territorialen Denken, das unseren Diskurs über Geschichte und damit auch über die Zukunft beherrscht. Für viele Menschen auf der Welt ist das Leben auf der Schwelle zwischen Staatsangehörigkeiten und Zugehörigkeiten eine traumatische und gewaltsame Erfahrung. Unser Beitrag versucht, aus dieser Erfahrung eine Position der Erkenntnis zu generieren und für einen Moment die Grenzen zu überschreiten. Von der Schwelle aus wird mehr sichtbar, überlagern sich Wahrnehmungen und Bilder. In seinen Texten hat Louis Chude-Sokei, der als Chronist die Vorbereitungen auf dieses Projekt theoretisch beeinflusst hat, auf den Zusammenhang von Wahrnehmung der Schwelle und Migration als Erfahrung hingewiesen. Wenn wir den Pavillon nicht durch das dafür vorgesehene Portal betreten, dann deshalb, weil wir vom ersten Moment an die Schwelle als Ort der Betrachtenden vorschlagen wollen. Schwellen sind nicht dafür vorgesehen, zu bleiben. Sie sind Übergangsräume. Für uns soll der Pavillon ein solcher Raum sein, ein Raum, in dem die Besucher:innen unterwegs sind, ein Raum, in dem es kein Ankommen gibt.

Wir betreten den Pavillon, um ihn zu verlassen. In Yael Bartanas Arbeit Light To The Nations geht es um nicht weniger als um die radikale Frage nach dieser Option. Ist die letzte Konsequenz aus dem Scheitern der menschlichen Gemeinschaft das Verlassen der Erde? Zugleich ist ihr Raumschiff eine Erzählung der Möglichkeiten dessen, was eine Zukunft hätte gewesen sein können, wenn der Impuls der Heilung statt der Zerstörung das Maß des Handelns gewesen wäre. Ohne sich fahrlässiger Naivität schuldig zu machen, scheint es derzeit fast unmöglich, die Position der Schwelle als eine einzunehmen, die etwas wie Hoffnung möglich macht. Wir behaupten dennoch trotzig dieses Wort. Hoffnung liegt in der Bewegung auf der Schwelle, in der Nichtakzeptanz des Ankommens als Maßstab

Ersan Mondtags Arbeit Monument eines unbekannten Menschen beginnt vor dem Portal des Deutschen Pavillons. Die Erde, die den Zugang zur Zentralperspektive versperrt, hat Migrationsgeschichte. Sie stammt in Teilen aus dem Ort, aus dem Ersan Mondtags Großvater Hasan Aygün 1968 in eine ungewisse Zukunft Richtung Westberlin aufbrach. Die Erde ist in Bewegung, utopisch, unbeherrschbar, verletzlich. Die Schwelle ist der Ort, an den alle verwiesen werden, denen das Recht auf Ankommen und damit Geschichte und Zukunft verweigert wird. Das Jetzt aber ist kein Ort, an dem man bleiben kann.

Dem ästhetischen Überwältigungsgestus des Pavillons seine Macht zu nehmen, kann nur gelingen, indem man ihn entgrenzt. Der deutsche Beitrag bleibt deshalb nicht bei den Mauern des deutschen Pavillons stehen, sondern nimmt ein Boot und setzt zur Insel La Certosa über. Hier landet die Besucherin auf der Schwelle zwischen Kultur- und Naturlandschaft, in einem Wahrnehmungsraum, der anderen Gesetzmäßigkeiten folgt. Die Insel ist kein unberührter Ort, sie hat eine Menschengeschichte und eine Naturgeschichte, sie entführt in eine fragile Situation, in der nichtmenschliche Natur mit den Ruinen menschlicher Kultur zurechtzukommen sucht.

Die Neukonfiguration von Raum, die Michael Akstaller, Nicole L‘Huillier, Robert Lippok und Jan St. Werner in ihren Arbeiten vornehmen, setzt den Pavillon aus der Distanz außer Kraft. Was ist innen, was ist außen? Von der Position der Schwelle gesehen, werden diese Kategorien verwirrt. Auf La Certosa müssen wir unsere Wahrnehmungstools umstellen, müssen uns in Bewegung setzen und mit jedem Schritt verändert sich der Bedeutungszusammenhang. Der Körper wird zum Resonanzraum, zum Schwellenbereich zwischen verschiedenen Zuständen. Was wir zu wissen glauben, wenn wir eine Ruine, eine Sumpflandschaft, ein Bunkerfragment oder einen Wald am Ufer der Lagune sehen, wird konterkariert, verstärkt, irritiert und erweitert durch die Arbeiten, die auf extrem unterschiedliche Art mit der Landschaft und miteinander interagieren.

Den gewalttätigen Raum der Zeichensetzung politischer Grenzen können wir nur in einem transdisziplinären künstlerisch mehrsprachigen Konzept überwinden. Im Durchlaufen der künstlerischen Positionen und in der Erfahrung ihrer Überlagerung wird die Schwelle als beweglicher Raum erfahrbar.

Georgi Gospodinov, der als Chronist die Arbeit an diesem Beitrag zur Biennale begleitet hat, erzählt in seinem Roman Zeitzuflucht von der Verlockung, sich in die Vergangenheit zurückzuversetzen, sich der Nostalgie zu ergeben und die katastrophischen Zeichen der Geschichte auszublenden, um dem Druck in der Gegenwart handeln zu müssen zu entfliehen. Das Buch bezieht sich auf einen Versuch, die Zeit einzufrieren und in dieser Zeitkapsel zu leben. Für Gospodinov ist die Vergangenheit ein Ungeheuer, das uns auflauert. Unkritischer Nostalgie und der Tendenz zur Rückwärtsbezogenheit, wie sie im Roman thematisiert wird, möchte ich entgegenwirken. Thresholds sind die geteilten Momente der Gegenwart, die als abgeschlossenes Konzept nicht zu haben ist.

Ich betrachte den Pavillon in seiner Architektur als Lüge, als ein gefährliches Märchen scheinbarer Harmonie. Mit Thresholds begegnen wir dieser Harmonie durch Asynchronität und zeitliche Ambivalenz. Wir können Gegenwart nicht kuratieren, aber momenthaft disparate Wahrnehmungsräume schaffen, die die Gewissheiten verunsichern, aus denen sich unser Selbstbewusstsein von Gegenwart zusammensetzt.

Auf der Insel La Certosa wird dies körperlich erfahrbar. Tief aus dem Boden der Geschichte holt Robert Lippok den Klang seiner Arbeit – die Erde unter dem Gras ist nicht geschichtslos, Lippok verstärkt mit Feld ihre Signale. Im Spannungsraum zwischen der Ruine und einer Linie, die die Insel akustisch teilt, setzt Jan St. Werner mit Volumes Inverted einen Bedeutungsraum jenseits der Bilder, der sich mit jedem Schritt verändert und uns zu Akteuren des Kunstwerks macht. Mit Encuentros entwickelt Nicole L’Huillier ein Sender-Empfänger-System, das die Klänge der Insel in variierende Frequenzen übersetzt. Ihre Membranen sind Fühler und zuhörende Entitäten auf der Suche nach einer Begegnung. Sie bewohnen die Insel und treten in Kommunikation mit der Umwelt von La Certosa. Und Michael Akstaller sucht mit Scattered by the trees im Dialog mit der Vegetation der Insel nach dem zeitlichen Zwischenraum, der verloren gegangenen Fähigkeit des Zuhörens auf Antworten.

Wenn es stimmt, dass unsere Zukunft auch davon abhängt, wie wir Geschichte erzählen, dann ist der Wahrnehmungsmoment auf der Schwelle entscheidend. Was sich von hier aus eröffnet, ist kein ruhiges, statisches Bild. Das Monument ist bewohnt, die Vergangenheit bewegt sich zwischen den Besucher:innen hindurch, agiert anders als geplant, als vorhergesehen. In den Sphären von Yael Bartanas Vision werden wir in eine überwältigende Bildwelt entführt, bis wir wahrnehmen, das hier die Zukunft ohne uns stattfindet. Auf La Certosa muss ich mich bewegen, mich auf das Hören einlassen, um zu entdecken.

Wir haben Thresholds gemeinsam konzipiert, in Anerkennung unserer Herkünfte und Geschichten und in der Begegnung mit den Orten in Venedig als disziplinenübergreifende, unsere eigenen Grenzen erkennende Arbeit. In der Kollaboration als Netzwerk, das die Mauern benutzt und verlässt, suchen wir nach so etwas wie Hoffnung in Zeiten, die dazu keinen Anlass bieten. Nicht aus der Selbstüberhebung, die Welt verändern zu können, sondern aus Verzweiflung über die Welt, versuchen wir selbst ein solcher Anlass zu sein.

Biografie

An Image of by the German Pavillon of the 2024 Venice Art Biennale

Çağla Ilk is a curator and architect. Since 2020, she has been director of the Staatliche Kunsthalle Baden-Baden together with Misal Adnan Yıldız.
Ilk works in theory and practice at the interface of architecture, visual arts, sound, and performance. She uses dramaturgy as a method of curating and integrates transdisciplinary approaches into her curatorial practice. Her exhibition methodology follows the idea of working with events and installations that change and make transitions visible, instead of static forms of exhibition making.
Ilk studied architecture at the Technical University of Berlin and Mimar Sinan University Istanbul. She has curated numerous exhibitions, including the solo exhibitions Grada Kilomba Opera to a Black Venus (2024), Sarkis 7 Tage, 7 Nächte (2023), Jan St. Werner Space Synthesis (2023), Candice Breitz Whiteface (2023), Yvonne Rainer Hellzapoppin: What about the Bees? (2023), Jimmy Robert All dressed up and nowhere to go (2022/2023), and Ulrike Ottinger Cosmos Ottinger (2022) as well as the group exhibitions Nature and State (2022) and State and Nature (2021) at the Staatliche Kunsthalle Baden-Baden. Ilk was also co-curator of the 6th Ural Biennial in Ekaterinburg (2021) and chief curator of Studio Bosporus (2021), the nationwide interdisciplinary festival of the German Foreign Office. From 2012–2020, Ilk was dramaturge and curator at the Maxim-Gorki-Theater in Berlin, where she was responsible for cross-disciplinary projects and festivals that combined performing, performative, and visual arts, often in a transcultural context. Ilk co-curated four editions of the Berliner Herbstsalon at the Maxim-Gorki-Theater.
Ilk was active in cultural policy as a member of the presidium of the neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK), as a member of the Council for the Arts Berlin, and on numerous juries for cultural funding. In March 2023, Çağla Ilk was appointed as the curator of the German contribution to the 60th International Art Exhibition - La Biennale di Venezia. She lives and works in Berlin and Baden-Baden.

Team

Dramaturgie
Ludwig Haugk

Assistenzkurator/Produktionsleitung
Sandeep Sodhi

Chronisten

Thresholds wird durch das Denken von Georgi Gospodinov und Louis Chude-Sokei inspiriert, die als so genannte Chronisten den deutschen Beitrag im aktiven Austausch begleiten: Die kuratorische Methode für den Beitrag besteht in der Verknüpfung unterschiedlicher künstlerischer Ansätze und Disziplinen innerhalb eines übergeordneten und pluralistischen Storytellings. Ausgehend von der Gegenwart als Schwelle, als Übergang, in dem sich Vergangenheit und Zukunft überlagern, befassen sich die künstlerischen Beiträge ebenso mit dem Motiv der Schwelle als Ort zwischen Zugehörigkeiten und den Gemeinschaften, die diesen Bedeutungsraum prägen.

Louis Chude-Sokei

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Louis Chude-Sokei

Als eine Art Prelude für den deutschen Beitrag auf La Certosa begleitet die Stimme von Louis Chude-Sokei die Besucher:innen beim Betreten der Insel. Seine Klangintervention Thresholds wird beim Überschreiten der Schwelle vom Steg zur Insel zu hören sein.

Louis Chude-Sokei ist Professor für Englisch und Direktor des African American and Black Diaspora Studies Program an der Boston University, wo er den George-und-Joyce-Wein-Lehrstuhl innehat. Er ist Chefredakteur der Zeitschrift The Black Scholar und Gründer des Klangkunst- und Archivierungsprojekts Echolocution. Zu seinen Büchern gehören The Last "Darky" (2006), The Sound of Culture (2016), Floating in A Most Peculiar Way: A Memoir (2021) und zuletzt die deutsche Veröffentlichung Technologie und Race: Essays der Migration (2023). Zu seinen kollaborativen Arbeiten gehören das Album AAI (Anarchic Artificial Intelligence) mit dem bekannten Elektronik-Duo Mouse on Mars (Jan St. Werner und Andi Toma, 2021) und Sometimes You Just Have to Give it Your Attention, ein Album mit kollaborativen Klangarbeiten, die sich mit dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg auseinandersetzen (2023). Seine Arbeit war zudem die Grundlage für Curriculum II, einer Performance-Tour der legendären Bill T. Jones/Arnie Zane Dance Company in New York City. Chude-Sokei lebt in Boston.

Georgi Gospodinov

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Georgi Gospodinov, Foto: Phelia Baruh

Georgi Gospodinov ist der Autor von Zeitzuflucht (Vremeubezhishte, 2020), einem mit dem International Booker Prize 2023 ausgezeichneten Roman, der in mehr als 25 Sprachen veröffentlicht wurde. Darin eröffnet ein rätselhafter Flaneur namens Gaustin "Zimmer und Kliniken für die Vergangenheit", die Alzheimer-Patient:innen eine vielversprechende Behandlung anbieten. Doch schon bald wird seine Therapie in ganz Europa für politische Zwecke missbraucht... "Es könnte nicht aktueller sein" hieß es dazu in The Guardian. Einem großen internationalen Publikum wurde er mit seinem ersten Buch Natürlicher Roman sowie dem Roman Physik der Schwermut bekannt, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Er hat mehrere Bücher mit Kurzgeschichten veröffentlicht. Der Animationsfilm Blind Vaysha (Regie Theodore Ushev) basiert auf seiner gleichnamigen Kurzgeschichte und wurde 2017 für den Oscar nominiert. Zu Gospodinovs Werken gehören Gedichte, Sachbücher, Theaterstücke, ein Opernlibretto, An Inventory Book of Socialism – ein von ihm mitverfasster Katalog von Gegenständen des täglichen Lebens im Sozialismus – und soziale Videoinstallationen wie The Slap Factory und Future Cancelled. Seine komplexen Erzählungen beschäftigen sich mit der Erinnerung an die jüngste osteuropäische Vergangenheit und den gegenwärtigen Ängsten in Europa und der Welt. Gospodinov lebt in Sofia.