Ausstellung
Mit Ruin untersuchen HENRIKE NAUMANN (1984, Zwickau, DDR – 2026, Berlin, Deutschland) und SUNG TIEU (1987, Hai Duong, Vietnam) die ideologische Brüche ebenso wie die materiellen Spuren des wiedervereinigten Deutschlands. Mit einem Formenvokabular, das zwischen maximalistischer Opulenz und minimalistischer Klarheit changiert, reflektieren sie die Nachwirkungen eines einst geteilten Landes sowie die gesellschaftspolitischen Umwälzungen von der Nachwendezeit in den 1990er Jahren bis heute.
Der Titel der Ausstellung spielt mit seiner semantischen Vieldeutigkeit: Der Begriff „Ruin“ beschreibt nicht nur den Verfall physischer Strukturen, sondern verweist auch auf Bankrott – sei es finanziell, politisch oder moralisch. Phantomräume der ostdeutschen Geschichte – der verschwundene DDR-Pavillon, der abgerissene Palast der Republik, das „Sonnenblumenhaus” – dienen als kuratorische Blaupausen, um zu untersuchen, wie historische Leerstellen gebrochene Zeitlichkeiten schaffen, die sich durch künstlerische Imaginationskraft neu denken lassen. Die hier gezeigten Arbeiten richten den Blick nicht auf eine abgeschlossene Vergangenheit, sondern auf eine, die heute vielleicht präsenter und greifbarer ist denn je.
Sung Tieus Trompe-l’œil-Mosaik, welches die gesamten Fassade des Deutschen Pavillons bedeckt, zeigt die Ruinen eines sozialistischen Plattenbaus in Berlin – einst das Zuhause der Künstlerin und einer der größten Wohnkomplexe für vietnamesische Vertragsarbeiter*innen in der DDR. Das Mosaik erinnert zudem an die geflieste Fassade des sogenannten „Sonnenblumenhauses“ in Rostock-Lichtenhagen, Schauplatz des ersten Pogroms im Nachkriegsdeutschland im Jahr 1992. Indem Tieu die neoklassizistische Fassade von 1938 mit diesen unterschiedlichen historischen Ebenen überlagert, entlarvt sie den Deutschen Pavillon als Ort ungelöster Gewalt und eröffnet zugleich Möglichkeiten neuer Formen kritischer Erinnerung, die nationale Narrative hinterfragen.
Henrike Naumann hat den Innenraum des Deutschen Pavillons in demselben mintgrünen Farbton gestrichen, der auch in den heute verlassenen sowjetischen Kasernen in Ostdeutschland verwendet wurde. Indem sie den Raum einrichtet, nimmt sie ihm seine Macht. Stuhlreliefs, zerfetzte Vorhänge, Hieroglyphen, ein Wohnzimmer in Neuem Deutschem Design, inspiriert von erzgebiergischen Miniatur-Dioramen von Bauernstuben, und eine Interpretation eines sozialistisch-realistischen Wandgemäldes bilden zusammen Die Innere Front. Ihre Installation zeichnet nach, was sie als eine alternative „archäologische Vorgeschichte der Gegenwart“ bezeichnete – für Naumann „eine Geschichte, die im Deutschen Pavillon erst noch erzählt werden muss“.