Henrike Naumann

Die Werke von HENRIKE NAUMANN (1984 Zwickau, DDR–2026 Berlin, Deutschland) reflektieren gesellschaftspolitische Problematiken auf der Ebene von Design und Interieur und das Reibungsverhältnis entgegengesetzter politischer Meinungen im Umgang mit Geschmack und persönlicher Alltagsästhetik. In ihren Installationen arrangierte sie Möbel und Objekte zu szenografischen Räumen, in welche sie Video- und Soundarbeiten integrierte. Naumanns Arbeiten untersuchen die Mechanismen der Radikalisierung und deren Zusammenhang mit persönlicher Erfahrung. Ihre künstlerische Praxis war von einer Vielzahl von Vorträgen und interdisziplinären Kooperationen begleitet, in denen sie untersuchte, wie Geschichte und Gemeinschaft konstruiert wurden und weiterhin konstruiert werden. Sie sah sich nicht als neutrale Beobachterin dieser Verhandlungsprozesse, sondern als starke Akteurin, die sich ihrer Verantwortung bewusst war. Sie setzte Möbel und Objekte als Referenzsysteme ein, um sichtbar zu machen, wie Menschen auf Veränderungen reagieren und sich darin einrichten. Für ihr Werk im Deutschen Pavillon kollaborierte sie mit der venezianischen Vertikaltanzgruppe Il Posto della Danza Verticale, die an ausgewählten Terminen während der Ausstellungslaufzeit an der Wand der zentralen Rotunde das von Naumann konzipierte Stück Trümmerfrau performt.
„Der Raum lässt sich lesen wie ein Text, dessen Anfang wir zu kennen meinen und dessen Ende wir uns fürchten zu lesen. Zwischen Anfang und Ende sind wir, in der Gegenwart, unsicher, welche Möglichkeiten wir haben, auf den Lauf der Dinge Einfluss zu nehmen. Doch die Front sind wir. So wie wir jederzeit an eine Front geschickt werden können, so ist sie auch abhängig von uns. Wofür wir kämpfen wollen, oder wogegen. Ob wir kämpfen. Oder radikal lieben, loslassen, schutzlos sein. Alles Harte aufgeben. Oder aus Liebe kämpfen, doppelt so hart, hardcore.“ (Henrike Naumann)

Henrike Naumanns immersive und mehrteilige Installation Die Innere Front (2026) untersucht die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesellschaftlicher Militarisierung. Der Raum ist in die Bereiche „War“ (Krieg), „Post-War“ (Nach Krieg), „1990“ und „Pre-War“ (Vor Krieg) unterteilt, durch die sich die Besuchenden linear bewegen.
Ihre ehemals dreidimensionalen Rauminstallationen haben sich zu Wandreliefs verdichtet. Die Wände sind in einem Mintgrün gestrichen, das immer noch in den Ruinen ehemaliger Kasernen der sowjetischen Armee in Ostdeutschland zu finden ist.
Inspiriert von traditionellen erzgebirgischen Dioramen von Bauernstuben, zeigt ein großer Reliefrahmen eine Einrichtung im Stil Neues Deutschen Designs (eine westdeutsche postmoderne Designbewegung der 1980er Jahre). Eine gepolsterte und möblierte Interpretation eines sozialistisch-realistischen Wandgemäldes zeigt das Motiv des Werks Die Mechanisierung der Landwirtschaft (1960/61), das Naumanns Großvater, der Künstler Karl Heinz Jakob, in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz) geschaffen hat.

Stuhlreliefs zeichnen eine Chronologie der deutschen Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, während Reihen von zerschossenen und verletzten Vorhängen die Vorstellung von häuslichem Komfort als Rückzugsort aufbrechen. Diese von Naumann betriebenen Destabilisierungen finden zu ihrem Höhepunkt in einem zentralen Vorhang bestehend aus Kettenhemden, der auf ein Innehalten der Zeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Kalten Krieg verweist: eine Remilitarisierung nach der Demilitarisierung – und die Erwartung des bevorstehenden Kriegs.

Die Wand mit kleinformatigen Objekten, die die Künstlerin als Hieroglyphen bezeichnete, fungiert als eine Art von verschlüsselter Landkarte dessen, was Naumann als „innere Front“ beschrieb. Sie bietet Orientierung, verweigert sich aber zugleich jeder konkreten Deutung.

Naumanns komplexe Installation zeichnet eine „archäologische Vorgeschichte der Gegenwart“ nach. Für sie ist die „schlimmste Form“ der Dekonstruktion oder Vernichtung des Deutschen Pavillons, es sich „gemütlich zu machen“, während man an „allen Ecken und Kanten (…) spürt, dass es ‚gemütlich‘ hier nicht gibt“.

Hieroglyphen Der Inneren Front, Clemens Villinger

Die Hieroglyphen sind ein Zeichensystem, das den Weg entlang Der Inneren Front weist. Sie funktionieren als eine lesbare und eine unlesbare Karte, die die Betrachtenden orientiert und verwirrt. Als Zeichensystem sind die Hieroglyphen eine „Sammlung von Fragmenten, ein zerfaserndes Netzwerk von konkurrierenden Geschichten, Ideen, Konzepten […].“ (Klaus Biesenbach, Hans Ulrich Obrist und Nancy Spector, Intro Berlin Biennale, Ostfildern 1998, S. V.)

Ethno-Thälmann-Hieroglyphe

„Wenig entfernt vom Haus der Ministerien liegt an der Otto-Grotewohl-Straße (der ehemaligen Wilhelmstraße) der Thälmannplatz mit dem Gebäude des Nationalrats der Nationalen Front und der Liga für Völkerfreundschaft der DDR. Der U‑Bhf. Thälmannplatz hat eine seines Namens würdige Ausgestaltung in rotem Marmor erhalten.“ (Annemarie Lange, Berlin – Hauptstadt der DDR, Leipzig 1969, S. 115). Am 3. Oktober 1991 wurde der U-Bahnhof zunächst in M*****-Straße und 2025 in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umbenannt.

Wilhelm Pieck-Hieroglyphe

Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und von 1949 bis zu seinem Tod 1960 erster und einziger Präsident der DDR.

Mickey und Minnie Hieroglyphe

Nach ihrer Schicht in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft „Innere Front“ bewirtschaften Mickey und Minnie ihren Garten, in dem sie Obst und Gemüse anbauen. Dabei lernen sie, dass sich harte Arbeit und Leistung lohnen, denn ihren Ertrag kauft der Staat ab, um Lücken bei der Versorgung zu schließen. Nach der Arbeit kümmert sich Minnie um Mack und Muck, die Neffen von ihrem Mann, deren Eltern bei der Flucht aus den ehemaligen Ostgebieten getötet wurden.

Runen-Hieroglyphen (lange Kerzenständer)

Kerzenständer, der entfernt an das mittelalterliche Jagdgerät „Wolfsangel“ erinnert. Die von den Nationalsozialisten als germanische Rune missverstandene Wolfsangel wird als Ausdruck von Wehrhaftigkeit gedeutet. Neonazistische Organisationen nutzen das Symbol bis heute als Erkennungszeichen. Seine Verwendung ist deswegen in rechtsextremen Kontexten verboten; ausgenommen ist die Bundeswehr.

Schrank-Hieroglyphen

Die Schrank-Hieroglyphen verweisen auf die alltäglichen Zwänge, in die Kunst eingeordnet wird. Es gilt, Stühle, Tische, Schränke und Vorhänge zu betrachten, deren Formen auszuarbeiten und sie als Rahmen zu verstehen. In den von neuen und alten faschistischen Unterströmungen durchzogenen, modernen Lebensformen ist Verantwortung weniger eine moralische als vielmehr eine materielle Frage. (frei nach Kerstin Stakemeier)

Autobahn-Hieroglyphe (Holzbild)

Obwohl die Straße durch die Landschaft fließt, steht die Autobahnhieroglyphe für das Konzept der „autogerechten Stadt“ (Hans Bernhard Reichow). Als Leitbild prägte die Vision der „autogerechten Stadt“ den Neu- und Wiederaufbau westdeutscher Städte in der Nachkriegszeit und damit auch die Nachkriegspostmoderne. Wie diese bis heute erlebt wird, ist maßgeblich vom Automobil geprägt.

Spiralen-Hierogylphen

Triskelen und Spiralen sind Symbole, die sich seit der Jungsteinzeit in verschiedenen Teilen der Welt nachweisen lassen. Das Neonazi-Netzwerk „Blood and Honour“, dem auch Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) angehörten, nutzte ein als Triskele abgewandeltes Hakenkreuz als Logo. In der Esoterik stehen Spiralen häufig für Lebensenergie, Entwicklung, Wandel oder die Bewegung zur eigenen Mitte. Esoterische Vorstellungen und die Metapolitik der extremen Rechten sind eng miteinander verwoben. Der aktuelle italienische Kulturminister Alessandro Giuli trägt ein Spiralentattoo am Ellenbogen.

Matrosen-Hieroglyphe (Holzbild)

Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Klassen in der DDR mussten zwischen 1978 und 1989 am Pflichtfach Wehrunterricht teilnehmen. Alle Jungen durchliefen ein Wehrlager, in dem sie unter anderem Handgranatenwerfen und Schießen übten, während die Mädchen an einem Lehrgang für Zivilverteidigung teilnahmen. Ungeklärt bleibt die Frage, in welchem historischen Verhältnis die Militarisierung der DDR-Gesellschaft zur gegenwärtigen Remilitarisierung der Bundesrepublik steht.

NVA-Soldat-Hieroglyphe

Oberstleutnant der motorisierten Schützentruppe der Nationalen Volksarmee (NVA), geboren 1951 in Schneeberg, Sachsen. Nach Abschluss der 10. Klasse Ausbildung zum Kranführer. Von 1970 bis 1972 Wehrdienst bei der NVA, anschließend bis 1975 Offiziersstudium in Zittau. Im Dezember 1989 Entlassung als Oberstleutnant in der 1. Mot.-Schützendivision in Potsdam. Während der Offizierslaufbahn: Hausbau und Geburt eines Sohnes. Von Januar 1990 bis Anfang 1991 tätig als Außenhandelsmitarbeiter einer westdeutschen Firma für Kopierer und Faxgeräte. Im Januar 1991 Gründung eines Einzelhandelsgeschäftes für Kommunikationssysteme, das wenig später Konkurs anmeldet. (Fiktiv-reale Biografie)

Carrettu sicilianu-Hieroglyphe

Den Carrettu sicilianu (sizilianischer Karren) brachte Kaiser Wilhelm II. nach einer Italienreise 1904 oder 1905 nach Deutschland. Nach dem Ende der Monarchie 1918 und der Enteignung der Hohenzollern ging der Karren in den Besitz des Berliner Museums für Völkerkunde über. Heute steht er im neu errichteten preußischen Stadtschloss-Imitat, dessen Bau teilweise durch Spenden aus dem extrem rechten Milieu finanziert wurde.

Webstuhl-Hieroglyphe

Das Wachregiment „Feliks Dzierżyński“ unterstand dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Feliks Dzierżyński gründete und leitete bis zu seinem Tod 1926 die bolschewistische Geheimpolizei Tscheka sowie deren Nachfolgeorganisation GPU. Im Dezember 1991 stürzten Demonstrierende die Statue Dzierżyńskis vor der Lubjanka in Moskau. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Lubjanka Hauptquartier und zentrales Gefängnis des sowjetischen Geheimdienstes; heute residiert dort der russische Inlandsgeheimdienst FSB.
Der Webstuhl erzählt von zwei Umbrüchen: von der nach 1990 untergegangenen Textilindustrie der DDR in Städten wie Crimmitschau und vom historischen Aufbruch der industriellen Produktion im 18. und 19. Jahrhundert. Dem Moment, in dem maschinelle Webstühle die Arbeit der Menschen neu ordneten und der Kapitalismus zunehmend begann, Gesellschaft und Alltag zu prägen.

Anarcho-Primitivismus-Hieroglyphen (Zangen, Wurzeln)

Unter Anarcho-Primitivismus versteht man eine politisch-philosophische Denkrichtung, die eine Rückkehr zu vorindustriellen Lebens- und Produktionsverhältnissen anstrebt. In der modernen Kunst bezeichnet der Begriff „Primitivismus“ eine Stilrichtung, die bestimmte Menschen als „primitiv“ definiert und sich von deren Kunst inspiriert.

Neoprimitivismus-Hieroglyphen (Dreieck, Steinfigur, Strichmännchen)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begeisterten sich viele Angehörige der russischen Avantgarde für die Kunst der sogenannten „Primitiven“ sowie für die Volkskunst ländlicher und urbaner Bevölkerung. Aus dieser Auseinandersetzung entstand der Neoprimitivismus. Einer der Vertreter dieser Stilrichtung war A. R. Penck, der 1980 aus der DDR ausgebürgert wurde.

Vase mit Sichel-Hieroglyphe

„Kunst ist Befreiung. Kunst ist Niederlage. Kunst ist bedingungslose Kapitulation.“ (Henrike Naumann)

Krawatten-Hieroglyphen

Lento Violento (LV) ist eine von Gigi D’Agostino maßgeblich beeinflusste Stilrichtung elektronischer Musik, die Ende der 1980er Jahre entstand. Charakteristisch hierfür ist die langsame, harte Bassdrum. D’Agostino versteht Lento Violento als Lebensstil. Sein Track „In My Mind“ lief zufällig, als Henrike Naumann 2021 im „Ural Optical and Mechanical Plant (UOMZ)“ arbeitete. Das Unternehmen diente als Ausstellungsort für die Ural-Biennale in Jekaterinburg. Während des Zweiten Weltkriegs wurde dort der T-34-Panzer produziert, der entscheidend zum militärischen Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland beitrug. Heute produziert das Werk Teile für Waffen, mit denen die ukrainische Bevölkerung getötet wird.

Körperpanzer-Hieroglyphe (Kettenhemd)

„Prügelnde Eltern, Lehrer, Lehrherren, die Prügelhierarchien der Jugendlichen, das Militär haben sie ständig an die Existenz ihrer Peripherie erinnert (ihnen ihre Grenzen gezeigt), bis der funktionierende kontrollierende Körperpanzer ‚gewachsen‘ ist und die Fähigkeit dieses Leibs, sich in größere Gebilde mit panzerartiger Peripherie bruchlos einzufügen. Der Körperpanzer der Männer wäre demnach ihr Ich.“ (Klaus Theweleit, Männerphantasien: Männerkörper. Zur Psychoanalyse des Weißen Terrors, Basel/Frankfurt am Main 1985 (erstmals erschienen 1978), S. 190.

Mauerstück-Hieroglyphe

Körperpanzer der DDR-Gesellschaft.

Axt-Hieroglyphen

Bei dem 1989 der Öffentlichkeit vorgestellten „Bauernkriegspanorama“ handelt es sich um ein monumentales Panoramagemälde, das in einem eigens dafür errichteten Museum in Bad Frankenhausen (Thüringen) ausgestellt ist. Hauptverantwortlich für das mit „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland“ betitelte Gemälde war der DDR-Künstler Werner Tübke. Das Bild zeigt nicht nur Szenen des Deutschen Bauernkriegs (1524–1526) und den Revolutionär Thomas Müntzer, sondern auch ein dichtes Geflecht allegorischer Verweise auf menschliche Ängste, Aberglauben und religiöse Vorstellungen. Thomas Müntzer predigte zwischen 1520 und 1521 in Zwickau – der Geburtsstadt von Henrike Naumann.

Bauernstuben-Hieroglyphen

Die Miniatur-Bauernstuben stehen in der Tradition der erzgebirgischen Volkskunst, die sich seit dem 12. Jahrhundert zusammen mit dem Erzbergbau in der Region entwickelte. Besonders bekannt ist die erzgebirgische Volkskunst für ihre Holzverarbeitung. Zu DDR-Zeiten waren die lokalen Betriebe im VEB Kombinat Erzgebirgische Volkskunst Olbernhau (EVK) zusammengeschlossen.

D&G-Hieroglyphe

In den 1962 eröffneten „Exquisit“-Läden konnte die DDR-Bevölkerung hochwertige, aber vergleichsweise teure Bekleidung, Kosmetika und Accessoires erwerben. Ab Ende der 1960er-Jahre wurde dort eigens entworfene Kleidung angeboten. Anders als in den „Intershops“ konnte in den Exquisit-Läden mit DDR-Mark bezahlt werden. Auf diese Weise versuchte die DDR-Regierung, Konsumanreize zu schaffen und gleichzeitig das aufgrund anhaltender Lieferengpässe stetig anwachsende Sparvermögen der Bevölkerung abzuschöpfen. Diese stand den Läden kritisch gegenüber, da sich nur wenige Menschen den Einkauf leisten konnten.

Speer-Hieroglyphe (mit Milchkannen)

In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) führte die Sowjetische Militäradministration ab 1945 unter der Losung „Junkerland in Bauernhand“ eine Bodenreform durch. Im Zuge dessen wurden Großgrundbesitzer mit mehr als 100 Hektar Land sowie als Kriegsverbrecher oder NSDAP-Mitglieder eingestufte Eigentümer ersatzlos enteignet. Zu Beginn der 1950er-Jahre setzte die – häufig erzwungene – Kollektivierung ein, in deren Verlauf bäuerliche Betriebe zu Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zusammengeschlossen wurden. In den 1970er-Jahren erfolgte eine weitere Umstrukturierung durch die Trennung von Pflanzen- und Tierproduktion. Dies ging mit einer zunehmenden Mechanisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft einher, wodurch sich die Produktionsweisen grundlegend veränderten und der Einsatz menschlicher Arbeitskraft bei steigenden Erträgen reduziert wurde. Aufgrund anhaltender Versorgungsengpässe versorgten sich viele Menschen in der DDR, insbesondere im ländlichen Raum, teilweise selbst, indem sie Obst und Gemüse in eigenen Gärten anbauten. Trotz der fortschreitenden Mechanisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft blieb traditionelles bäuerliches Wissen bis 1989/90 im Alltag von Bedeutung.

Panzer-Haube-Hieroglyphe

Als die DDR-Bevölkerung im November 1989 die Berliner Mauer stürzte, waren im Land etwa 337 000 sowjetische Soldaten stationiert. Obwohl es im Alltag zu Kontakten kam, waren die sowjetischen Soldaten in ihren Kasernen von der DDR-Bevölkerung weitgehend isoliert. Während die Rote Armee am 17. Juni 1953 die Proteste noch gewaltsam niederschlug, griff sie nicht ein, als Teile der DDR-Bevölkerung im Herbst 1989 demonstrierten. Mit der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 begann auch der Abzug der Truppen, der 1994 abgeschlossen wurde. Zurück blieben tausende verlassene Kasernen und Militärgelände.

Gasmasken-Hieroglyphe

Die Gasmaske steht, wie der Historiker Peter Thompson argumentiert, für die Vision einer „Chemical Modernity“. Diese erstreckt sich von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs über den Einsatz von Giftgas in Konzentrationslagern bis zur Klimakatastrophe der Gegenwart. Die Atmosphäre wird so zum Ort des Kampfes um das Dasein. Gasmasken erzeugen Gemeinschaft, denn wer eine hat, gehört dazu, wer keine hat, stirbt.

Nagelband-Hieroglyphe

„Während in Mailand (1973) und Bologna (1980) rechtsterroristische Gruppen (mit Verbindungen zu den von der NATO unter dem Namen ‚Gladio‘ etablierten Stay-Behind-Gruppen) Anschläge verübten, organisierten in Westdeutschland Mitglieder der ‚Wehrsportgruppen‘ Attentate, wie 1980 auf dem Münchener Oktoberfest oder auf den jüdischen Verleger Shlomo Lewin und seine Partnerin Frida Poeschke (1980). Trotz ihrer Entnazifizierungsbemühungen setzten die Alliierten im Kalten Krieg ordnungspolitisch auf personelle Kontinuität, um die vermeintliche kommunistische Bedrohung abzuwehren.“ (Henrike Naumann/Clemens Villinger – Normal World Order)

Flintstone-Hieroglyphe

Im Jahr 1993 gründete Silvio Berlusconi die populistische Bewegung „Forza Italia“, mit der er bereits ein Jahr später Teil der Regierung wurde. Mit seinem Medienimperium schuf Berlusconi die Grundlage für seinen rund 20 Jahre währenden politischen Einfluss. Fast zeitgleich gründete die heutige italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni im Alter von 15 Jahren die Schülerbewegung „Gli Antenati“ („Die Vorfahren“). Der Name, angelehnt an die italienische Version der Zeichentrickserie „Familie Feuerstein“, verlieh der Jugendbewegung in den 1990er-Jahren einen neo-primitiven Anklang.

Thälmann-Hieroglyphe

Eigentlich sollte die DDR-Bildhauerin Ruthild Hahne das Ernst-Thälmann-Denkmal in Berlin-Prenzlauer Berg gestalten. Stattdessen entschied sich das ZK der SED für den sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel. Das Denkmal wurde im April 1986 enthüllt. Hahne gehörte 1946 zu den Gründungsmitgliedern der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Teile der Hochschule befinden sich in der ehemaligen Trumpf-Schokoladenfabrik, die der Fabrikantenfamilie Monheim gehörte und 1949 in der DDR enteignet wurde. Irene Monheim heiratete 1951 Peter Ludwig. In den 1970er Jahren begann das Paar, Kunst aus der DDR zu sammeln.

Mistgabel-Hieroglyphe (Vase und Mistgabel)

In der Prepper-Szene kursieren Anleitungen, wie sich am sogenannten Tag X Alltagsgegenstände zu Waffen umfunktionieren lassen. Die Zeit nach dem imaginierten Systemumsturz wird als existenzieller Kampf aller gegen alle gesehen, aus dem diejenigen als Sieger hervorgehen, die Vasen zu Waffen umfunktionieren können.

Kissen mit Gürtel-Hieroglyphe

„Denn wie man sich bettet, so liegt man.
Es deckt einen da keiner zu.
Und wenn einer tritt, dann bin ich es.
Und wird einer getreten, dann bist du’s.“

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, Oper von Kurt Weill, Libretto von Bertolt Brecht, Uraufführung 1930 in Leipzig.

Amphore mit Gürtel-Hieroglyphe

Ketzergabel-Hieroglyphe

Ochsenjoch-Hieroglyphen

„Den Pavillon einrichten. Alles wird Dekoration.“
Henrike Naumann

TRÜMMERFRAU

Die Performance TRÜMMERFRAU wurde in Kollaboration mit der venezianischen Tanzgruppe II Posto und Wanda Moretti umgesetzt, die seit den 1990er Jahren La Danza Verticale entwickelt hat – ein Tanzstil, der sich vertikal an Wänden bewegt und damit den urbanen Raum Venedigs als Bühne begreift. Die Musik beinhaltet sowohl Kompositionen von Naumanns langjährigem musikalischen Begleiter Bastian Hagedorn als auch das Lied Ninna Nanna 1932 der italienischen Sängerin Milva und das Stück Ich schau in dein Gesicht (Komposition Benedikt Wojtas), von der Punkband Telekoma aus Frankfurt (Oder), in einer Cover-Version von Ben Bloodygrave. Ninna Nanna 1932 wurde ursprünglich von Berthold Brecht verfasst, als Teil seines antifaschistischen Zyklus Wiegenlieder einer proletarischen Mutter. Es thematisiert die Angst um die Zukunft des Kindes in einer feindseligen Welt im Kontext des aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland.

Milva, Ninna Nanna 1932, Milva / Brecht (1975), Dischi Ricordi S.p.A.

I
Als ich dich gebar, schrieen deine Brüder
Schon um Suppe und ich hatte sie nicht.
Als ich dich gebar, hatten wir kein Geld für den Gasmann
So empfingst du von der Welt wenig Licht.

Als ich dich trug all die Monate
Sprach ich mit deinem Vater über dich
Aberwir hatten das Geld nicht für den Doktor
Das brauchten wir für den Brotaufstrich.

Als ich dich empfing, hatten wir
Fast schon alle Hoffnung auf Brot und Arbeit begraben
Und nur bei Karl Marx und Lenin stand
Wie wir Arbeiter eine Zukunft haben.

II
Als ich dich in meinem Leib trug
War es um uns gar nicht gut bestellt
Und ich sagte oft: der, den ich trage
Kommt in eine schlechte Welt.

Und ich nahm mir vor, zu sorgen
Daß er sich da etwa auch nicht irrt.
Den ich trage, der muß sorgen helfen
Daß sie endlich besser wird.

Und ich sah da Kohlenberge
Mit 'nem Zaun drum. Sagt ich: nicht gehärmt!
Den ich trage, der wird dafür sorgen
Daß ihn diese Kohle wärmt.

Und ich sah Brot hinter Fenstern
Und es war den Hungrigen verwehrt.
Den ich trage, sagt ich, der wird sorgen
Daß ihn dieses Brot da nährt.

Sah ich sie im Auto fahren
Sprach ich leise zu mir: wart du erstl
Den ich trage, sagt ich, der wird sorgen
Helfen, daß du nicht mehr fährst.

Als ich dich in meinem Leib trug
Sprach ich leise oft in mich hinein:
Du, den ich in meinem Leibe trage
Du mußt unaufhaltsam sein.

III
Ich hab dich ausgetragen
Und das war schon Kampf genug.
Dich empfangen hieß etwas wagen
Und kühn war es, daß ich dich trug.

Der Moltke und der Blücher
Die könnten nicht siegen, mein Kind
Wo schon ein paar Windeln und Tücher
Riesige Siege sind.

Brot und ein Schluck Milch sind Siege!
Warme Stube: gewonnene Schlacht!
Bis ich dich da groß kriege
Muß ich kämpfen Tag und Nacht.

Denn für dich ein Stück Brot zu erringen
Das heißt Streikposten stehn
Und große Generäle bezwingen
Und gegen Tanks angehn.

Doch hab ich im Kampf dich Kleinen
Erst einmal groß gekriegt
Dann hab ich gewonnen einen
Der mit uns kämpft und siegt.

IV
Mein Sohn, was immer auch aus dir werde
Sie stehn mit Knüppeln bereit schon jetzt
Denn für dich, mein Sohn, ist auf dieser Erde
Nur der Schuttablagerungsplatz da, und der ist besetzt.

Mein Sohn, laß es dir von deiner Mutter sagen:
Auf dich wartet ein Leben, schlimmer als die Pest.
Aber ich habe dich nicht dazu ausgetragen
Daß du dir das einmal ruhig gefallen läßt.

Was du nicht hast, das gib nicht verloren.
Was sie dir nicht geben, sieh zu, daß du's kriegst.
Ich, deine Mutter, hab dich nicht geboren
Daß du einst des Nachts unter Brükkenbögen liegst.

Vielleicht bist du nicht aus besonderem Stoffe
Ich hab nicht Geld für dich noch Gebet
Und ich baue auf dich allein, wenn ich hoffe
Daß du nicht an Stempelstellen lungerst und deine Zeit vergeht.

Wenn ich nachts schlaflos neben dir liege
Fühle ich oft nach deiner kleinen Faust.
Sicher, sie planen mit dir jetzt schon Siege.
Was soll ich nur machen, daß du nicht ihren drekkigen Lügen traust?

Deine Mutter, mein Sohn, hat dich nicht belogen
Daß du etwas ganz Besonderes seist
Aber sie hat dich auch nicht mit Kummer aufgezogen
Daß du einst im Stacheldraht hängst und nach Wasser schreist.

Mein Sohn, drum halte dich an deinesgleichen
Damit ihre Macht wie ein Staub zerstiebt.
Du, mein Sohn, und ich und alle unsresgleichen
Müssen zusammenstehn und müssen erreichen
Daß es auf dieser Welt nicht mehr zweierlei Menschen gibt.

Bertolt Brecht. Das große Brecht-Liederbuch. Band 2/3 – Lieder 58-12. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft Berlin 1984.

Ben Bloodygrave, Ich schau in dein Gesicht (Telekoma Cover), Tanz den Firlefanz (2014)

Ich schau in dein Gesicht, doch ich erkenne dich nicht mehr
vertraute Augen, doch ich kann es nicht glauben, ist es wirklich schon so lange her,
dass du deinen Weg gefunden hast, meine Erinnerung verschwunden ist

Jetzt stehst du da vor mir, erzählst Geschichten aus der Zeit, ich nenne sie Vergangenheit
Was willst du denn von mir, deine Zukunft war der Preis, hör endlich auf mit dem Scheiß hier

Jetzt stehst du da vor mir, doch warum kannst du es nicht lassen, oder muss ich dich entlassen
Ich bin fertig mit dir, doch vielleicht kommt irgendwann der Tag, and dem ich dich nicht mehr ertrag
Irgendwann der Tag, an dem ich dich nicht mehr ertrag

Vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem ich dich nicht mehr ertrag
Vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem ich dich nicht mehr ertrag
Vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem ich dich, an dem ich dich nicht mehr ertrag

Text & Komposition: Benedikt Wojtas