Sung Tieu

SUNG TIEU (*1987, Hải Dương, Vietnam) ist eine in Berlin lebende Künstlerin. Aufgewachsen zwischen politischen Systemen, entfaltet sich ihr Werk im Spannungsfeld von Biografie und Geopolitik. Anhand von Skulptur, Fundstücken, Archivmaterial, Zeichnung und Duft untersucht Tieu, wie politische, ökonomische und administrative Systeme in Körper, Räume und Wahrnehmungsformen eingreifen und setzt sich dabei mit deren historischer Entstehung sowie ihrem gegenwärtigen Wirken auseinander.

Tieus Wandskulpturen bestehen aus Aluminiumstangen, kalibriert auf die Körpermaße ihrer Mutter, Vũ Thị Hạnh. In Anlehnung an Albrecht Dürers Vier Bücher von menschlicher Proportion (1528) übertragen die Arbeiten ein Proportionssystem auf einen einzelnen, für die Künstlerin persönlich bedeutsamen Körper. Anstatt sich einem festen Raster zu unterwerfen, wird das System selbst an den gemessenen Körper angepasst und stellt damit Individualisierung über Normierung.

Zwei fast sechs Meter lange Stangen nehmen die Mitte des Raumes ein. Die Einbuchtungen entsprechen den Umfängen des Halses und der Handgelenke der Künstlerin. Das Werk erinnert an den Pranger und seine Funktion als Folterinstrument und verweist auf Zusammenhänge zwischen Praktiken der Vermessung und öffentlicher Bloßstellung, Zwangsausübung und Bestrafung.

Im anliegenden Raum übersetzt Tieus Arbeit For Now We See Through a Glass, Darkly den Kopf ihrer Mutter in ein vermessenes Volumen und reflektiert damit auch über Phrenologie und Schädelmessung als Werkzeuge zur Konstruktion rassistischer Hierarchien unter dem Deckmantel der Objektivität.

Eine Serie von Hockern, ursprünglich aus Edelstahl für Warteräume in Immigrations- und Hafteinrichtungen gefertigt, wird von der Künstlerin in Holz neu ausgeführt. Als Symbole für unendliches und unbestimmtes Warten bewahren sie die Form institutioneller Autorität, verlieren jedoch ihre Funktionalität und entlarven so Bürokratie als eine Choreografie der Kontrolle, die durch institutionelle Starre aufrechterhalten wird.

Sung Tieu's Werk Human Dignity Shall Be Inviolable (Die Würde Des Menschen Ist Unantastbar) umhüllt die Fassade des Deutschen Pavillons mit über drei Millionen Mosaiksteinen und zeigt im Maßstab 1:1 die Ruine eines sozialistischen Plattenbaus in der Gehrenseestraße in Ostberlin – einst das Zuhause der Künstlerin und einer der größten Wohnkomplexe für ausländische Vertragsarbeiter*innen in der DDR, der gerade abgerissen wird.

Der Titel zitiert Artikel 1 des Grundgesetzes, der die Würde des Menschen als unantastbares Recht proklamiert. Vor dem Hintergrund dieser Behauptung legt das Werk die Kluft zwischen rechtlichen Grundsätzen und gelebter Realität in einem solchen Wohnheim frei und verweist auf Geschichten der Ausgrenzung, Abschiebung und rassistischer Gewalt gegen Migrant*innen. Durch die Übertragung dieses persönlichen Raums auf die faschistische Architektur des Pavillons bricht Tieu dominante historische Narrative mittels privater Erinnerung auf. Zugleich bleibt ein Unterton von Schönheit und Sehnsucht bestehen, welche die Verflechtung der Architektur mit Machtstrukturen untergräbt. Vier Düfte, die an die Gehrenseestraße erinnern, durchdringen die Innenräume des Pavillons und erweitern die Erinnerung um eine sinnliche Dimension, die über das Visuelle hinausreicht.

They Have Eyes, But They See Not, They Have Ears, But They Hear Not setzt sich aus achthundert Marienkäfer-Skulpturen zusammen. In ihrer Anhäufung wirkt das, was zunächst dekorativ erscheint, zunehmend wie eine Plage und erzeugt ein subtiles Unbehagen, das dem im Motiv evozierten Glücksversprechen entgegenwirkt. Daneben hängt eine Zeichnung mit dem Titel The House Which Is Waste, die eine Szene aus der Ruine in der Gehrenseestraße zeigt.

Im benachbarten Raum besteht But the Flesh Is Weak aus Glasabgüssen der Arme und Beine der Mutter der Künstlerin. Der Körper wird zum „gläsernen Menschen“ – exponiert und der Betrachtung ausgesetzt. Durch Arbeit und Krankheit geprägte Spuren am Körper bleiben sichtbar und widersetzen sich der scheinbaren Klarheit des Materials.